Wo man singt... Musikalische Geschichte(n) aus Bietigheim-Bissingen
14.03.2010 - 12.09.2010
Gesungen wurde in Bietigheim und Bissingen sicher schon vor der Gründung
verschiedener Chöre, doch lassen sich diese Traditionen nur schwer fassen.
Seit den Vereinsgründungen im 19. Jahrhundert wird die Geschichte des
Laienchorgesangs in den damals noch unabhängigen Orten Bietigheim,
Bissingen, Metterzimmern und Untermberg nachvollziehbar und kann mit
reizvollen Objekten und anderen Quellen eindrucksvoll dokumentiert werden.
Besonders weit reicht die Tradition des Sängerkranzes Bietigheim e.V.
zurück, der im Jahr 2010 auf 150 Jahre Vereinsgeschichte zurückblicken
kann. 1863 lud der damals drei Jahre junge Sängerkranz zur Fahnenweihe
und nahm 1865 am 12. Chorfest des Schwäbischen Sängerbundes in
Rottweil teil. Große Höhen und Tiefen, bedingt durch Kriege und andere
Krisenzeiten, blieben dem Verein nicht erspart.
So nimmt das Stadtmuseum Hornmoldhaus diese spannende Entwicklung
eines kultur-treibenden Vereins in der Doppelstadt Bietigheim-Bissingen zum
Anlass, in dieser Sonderausstellung die Geschichte aller in Vereinen
organisierten Sängerinnen und Sänger nachzuzeichnen und ihre
wechselvolle Vergangenheit bis in die Gegenwart zu präsentieren.
Hier sind neben dem „Sängerkranz Bietigheim“ mit dem „Kammerchor
Bietigheim“ vor allem der „Frohsinn Bietigheim“, die „Chorvereinigung
Bietigheim“ mit der „Chorporation“, der aus der Chorvereinigung Bissingen
hervorgegangene Chor „Vocalis“, die „Eintracht Untermberg“ und der
„Liederkranz Metterzimmern“ mit seinem jungen Sproß „Bel Canto“ zu
nennen. Nicht vergessen werden dabei die Geschichte(n) der inzwischen
aufgelösten sowie der in anderen Chören aufgegangenen Vereine. So
werden die „Union Bietigheim“, die „Harmonie Bietigheim“, der „Vorwärts
Bietigheim“, die „Concordia Bietigheim“ oder die „Sängerlust Bissingen“
genauso beleuchtet.
Der Blick auf regionale und überregionale Chorvereinigungen als
Dachorganisationen vernetzt die lokalen Laiensängertraditionen mit den
Strukturen und Entwicklungen auf Landes- und Bundesebene.
Kontrastiert wird die Chorgeschichte und Musikgeschichte mit den
Ereignissen in Stadt und Land, die oft von den Sängern begleitet wurden. Ein
Blick auf die Sozialgeschichte der Mitglieder von Gesangsvereinen offenbart,
dass beispielsweise Sänger unter den Gründungsmitgliedern des Gewerbe-
und Handelsvereins in der Stadt waren und in Wirtschaft und Verwaltung nicht
selten Schlüsselpositionen einnahmen. Die im 19. Jahrhundert entstandene
bürgerliche Kultur entwickelte sich zur „Alltagskultur“, in der selbst
organisierte Geselligkeit, Bildung und gesellschaftliches Engagement einen
hohen Stellenwert hatten. Gerade Vereine, etwa die Sängergruppen, boten
einer bürgerlichen Öffentlichkeit Raum und ermöglichten außerhalb höfischer
Strukturen Kommunikation und persönlichen Austausch. Die zuerst rein
privaten Vernetzungen der Vereinsmitglieder ermöglichten Kontakte über
Standesschranken hinweg und spielten auch in der politischen
Willensbildung eine nicht zu unterschätzende Rolle. Gerade die Treffen der
Sängervereine spiegelten im 19. Jahrhundert die nationalen wie die liberalen
Bestrebungen wieder, die politische Zerrissenheit des Deutschen Bundes
hin zu einem Nationalstaat zu überwinden.
Mit Bildern, Quellen und ausgewählten Exponaten soll die Präsentation
gerade auch Nicht-Sängerinnen und -sänger ansprechen und mit Film- und
Hörbeispielen Besucher verschiedener Altersgruppen über die Facetten des
Singens in Gemeinschaft informieren. Ein klingendes Begleitprogramm
rundet die Sonderausstellung ab.
Die Ausstellung findet parallel zur Landesausstellung „Musikkultur in Baden-
Württemberg“ statt, die im Landesmuseum Württemberg in Stuttgart und dem
Badischen Landesmuseum Karlsruhe vom 16. April bis 12. September 2010
die überaus reiche musikalische Vergangenheit und Gegenwart unseres
Bundeslandes vorstellt.
